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Bild: Ein Erfahrungsbericht: Straßenbahnfahren in Bremen

Ein Erfahrungsbericht: Straßenbahnfahren in Bremen


Übersicht: Paul (Texte/Biografie) // Drei Seiten Spezial // Veröffentlicht am 26. 12. 2002 // Abstract: Bremen feiert eine neue Straßenbahnlinie. ... UND? macht nicht mit.


Am 6. Dezember, also Nikolaus, ist in Bremen eine neue Straßenbahnstrecke eingeweiht worden. Ca. 35 Millionen Euro und viele Monate Geduld hat die (nahezu) pünktliche Fertigstellung gedauert. Mit großem Trara und kostenlosem Glühwein für alle wurde dann die Strecke eröffnet.

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Teil des Bremer Stadtbildes:
Die Straßenbahn

Die Regionalzeitung und der Bremer Senat waren begeistert. Ebenso die zahlenden Fahrgäste, die ja schließlich auch noch davon profitieren. Soweit die ersten Tage.

Die UND-Redaktion schickte nun einen Experten auf die neue Route. Der Experte stammt aus den eigenen Reihen, nahezu 7.500 Stunden verbrachte er in den Bahnen und Bussen der BSAG (Bremer Straßenbahn AG), er hat schon zahlreiche Extremsituationen in den öffentlichen Verkehrsmitteln gemeistert und sein Non-Stop-Rekord im Straßenbahnfahren liegt bei 16,5 Stunden. Hier lassen wir ihn nun exklusiv selbst zu Wort kommen:

Heute wollte ich ganz spontan die neue Strecke antesten. Da ich schon längst BSAG-geschädigt bin, hatte ich vor erstmal nur eine einzige Haltestelle auszuprobieren. Ich ging also zu Fuß von der ehemaligen Endstation zur ersten neuen Haltestelle. Nachdem ich die erste Bahn knapp verpasste, genauer: ich war längst da, nur der Fahrer wollte die nicht Tür öffnen, schaute ich auf den Fahrplan. In zehn Minuten sollte die nächste kommen – nach Fahrplan. Die vollelektronische Fahrzeitanzeige sagte mir eine andere Zeit. 17 Minuten. Langsam begann mir kalt zu werden. Der Wind blies scharf, die Temperatur lag bei minus neun Grad. Die gefühlte Temperatur bewegte sich jedoch eher in Kreisen um minus 27 Grad Celsius.

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Macht sich gut: Die neue Linie 4
im Belastungstest »on the road«

Die nächsten Bahnen sollten laut Angabe im 15-Minuten-Takt folgen. Ich wartete also geduldig, zwischendurch fuhr regelmäßig eine 4S heran. Da das »S« für »schnell« steht, fuhr sie jedoch jedes Mal schnell an mir und den anderen Wartenden vorüber. Ich versuchte krampfhaft, das sadistische Grinsen der Fahrzeugführer zu übersehen, wenn sie an uns vorüber zogen. Eine jüngere Frau wurden von dreu jungen Männern beherzt zurückgerissen, als sie versuchte, sich vor eine Bahn zu werfen. Unter dem Schimpfen und Lamentieren der Umstehenden wartete ich mehr beherrscht als geduldig auf eine haltende Straßenbahn. Die Anzeigetafel war leider keine große Hilfe – entweder lief sie rückwärts oder zeigte »0« Minuten an. Nach einer Dreiviertelstunde brach ein Mann schreiend zusammen, ein anderer verbiss sich in einen Laternenpfahl.

Nach einer schier endlosen Zeit kam die Bahn. Was sich nun abspielte, möchte ich nicht beschreiben. Ich kann nur sagen, dass die sich um die Sitzplätze kämpfenden Menschen nichts Menschliches mehr an sich hatten.
Auch hier gilt das uralte Gesetz: »Der Stärkere siegt.« Was mit den Schwachen passiert, wird nicht erwähnt. Ich denke auch nicht daran, hier auch nur ein Wort darüber zu verlieren. Es ist ein Anblick, dem ich keinen Menschen wünsche.
Frauen, Alte und Kinder können froh sein, wenn sie das Fahrzeug körperlich erreichen ...

Heute wollte ich auch zum ersten Mal »chippen«. Auf Deutsch heißt das: »Bezahlen mit der Geldkarte«. Dafür wurden für über 10 Millionen Euro (in Worten: zehn) blaue Boxen aufgestellt. In dieselben steckt man die Geldkarte und wählt dann über einen Touch-Screen die gewünschte Fahrkarte, welche auf der Geldkarte gespeichert wird. In die erste Box konnte die Geldkarte jedoch nicht eingeführt werden: Der Schlitz war infolge von Vandalismus unzugänglich gemacht worden.

Bild

Schick, modern und einladend:
Das Fahrzeug mit der Nummer 3032

Ich begab mich also zur zweiten Box. Als ich die Karte hineinsteckte, stürzte der Automat ab. Hmm ... Schade, aber passiert.
Bei der dritten Box dasselbe. Da ich mich gerade vorne beim Fahrzeugführer befand, fragte ich ihn um Rat. Eine unfreundliche Antwort folgte. Jedenfalls wusste ich nun, dass ich mich an das Kunden-Service-BSAG-City-Center zu wenden hatte.
Der dritte Versuch schlug ebenfalls fehl. Nicht das der Automat defekt gewesen wäre, nein, ich hatte aber meine Einweg-Handschuhe nicht dabei. Und ohne dieselben konnte ich mich nicht überwinden, die schmierige Bildschirmoberfläche zu berühren. Es gab nur noch eine Möglichkeit: Die vierte und letzte Box. Schon von weitem sah ich das »Defekt«-Schild ...

Frustriert gab ich meine fruchtlosen Versuche auf und stellte mich in eine Ecke, da jeder freie Platz von Rucksäcken und vorweihnachtlich gefüllten Einkaufstaschen nur so überquoll. Indessen merkte ich, wie sich die Fahrweise des Fahrers leicht veränderte. Starken Beschleunigungsphasen, ich schätze sie so auf ca. 90 Stundenkilometer (Stadtverkehr!), folgten leicht ruckelige Bremsungen. Eine ältere Dame, auch vom Sitzplatzproblem betroffen, war für einen kurzen Augenblick unaufmerksam. Sie bezahlte ihren Fehler: Vier Sekunden später lag Sie acht Meter weiter. Leider konnte ihr niemand aufhelfen, da währenddessen alle Fahrgäste die draußen vorbeiziehende Landschaft durch die beschlagenen Scheiben aufmerksam bewunderten. So blieb sie eben liegen.

In den folgenden 58 Minuten meiner Fahrt genoss ich weiterhin den Service der BSAG (unter anderem ein Verkehrsunfall, ein betrunkener und sich übergebender Fahrgast, eine Schlägerei, ein Funktionsschaden am Motor etc.) und erreichte mit nur anderthalb Stunden Verspätung meinen Zielort.

Ich hoffe, auch Sie, verehrter Leser, kommen einmal in unsere schöne Hansestadt und in den Genuß, mit unseren öffentlichen Verkehrsmitteln zu fahren (sofern das Fahrzeug nicht gerade ausgefallen ist). Ich versichere Ihnen, diese Fahrt werden Sie NIE vergessen. Für Daheimgebliebene sind Erinnerungen in Bild und Ton übrigens nicht zu empfehlen, aus diesem Grund ist auch das Photographieren und Filmen in den Fahrzeugen untersagt.

(Sie lasen: Drei Seiten Spezial von Paul.)

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