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OrtsamtBremenWest oder so
Übersicht: Die Redaktion ( Texte) // Vier Seiten deutsche Eigenheiten // Veröffentlicht am 15. 3. 2003 // Abstract: Reality-Doku: Zwei UNDRedakteure besuchen ein Bremer Ortsamt
Die folgende Reality-Dokumentation ist wahr. Absolut wahr. Und wer daran jetzt noch zweifelt, der wird nach dem Lesen dieser Geschichte nicht mehr zweifeln, denn so etwas Sadistisches kann sich niemand ausdenken. Diese Dokumentation beginnt damit, dass sich Paul und Yoshi zum Ortsamt Bremen-West begeben.
Die Ortsämter Bremens zeichnen sich von außen durch ein deutliches Understatement aus. Meist ehemalige Schulen, abgewetztes Linoleum und
ebensolches Mobiliar, alles in den selben, undefinierbaren Farben gehalten: eine
Mischung aus Braun, Orange, Schlammgrün oder einfach nur Grau.
Das Ortsamt Bremen-West besitzt rein äußerlich etwa die anheimelnde Atmosphäre
des Palastes der Republik (wenn das Ortsamt auch aus einer anderen Stilepoche
stammt). Drinnen kommt es noch viel schlimmer ...
12:32 – Betreten des Gebäudes. Bemerken folgenden Schildes: »Aus
personellen Gründen arbeitet die Meldestelle heute nur mit einer Notbesetzung.
Wir bitten um Verständnis.«
O-Ton Yoshi: »Na, das kann ja heute noch lustig werden.«
O-Ton Paul: »Was? Immer noch? Das hing schon vor einer Woche hier!«
12:34 – Suchen des Wartezimmers. Ziehen der Wartenummer: 702. Derzeit an
der Reihe: 656.
O-Ton Paul: »Jesus, come alive!«
O-Ton Yoshi: »Yeahaw!«
12:35 – Begutachten der Räumlichkeiten. Kaputte Stühle, kaputtes
Linoleum, aufgeschlitzte Sitzbezüge. Yoshi und Paul versuchen, eine
angemessene Beschreibung für die dominierenden Farben zu finden. Das Unternehmen
scheitert an den irritierten und irritierenden Blicken von anderen auf dem Flur
umherwandelnden Wartenden.
 | Die graue Starre der Bremer Ortsämter. Hier wird Service groß geschrieben: Den Strick erhalten Sie an der Information, Hinweise zum richtigen Knoten hängen auf den Fluren aus | 12:36 – Lesen der zahlreich vorhandenen Hinweisschilder auf dem Flur: »Liebe Bürger/innen. Wir bitten Sie sich in das Wartezimmer zu begeben. Der
Flurbereich dient nicht als Wartezone. Er muss aus Sicherheitsgründen
(handschriftliche Bemerkung eines Wartenden: »Wie bitte???«) freigehalten
werden. Ihre Meldestelle West.«
O-Ton Paul: »Bei denen ist was kaputt.«
O-Ton Yoshi: »Aber hallo.«
12:30 – Die Nummer 662 wird aufgerufen.
12:40 – Die Vertreter des UND-Magazins finden das Wartezimmer. Es
folgt eine eingehende Betrachtung der liebevoll arrangierten Dekor-Gegenstände
auf der Fensterbank: a) ein Gartenzwerg aus Plastik, b) ein Gartenzwerg aus
Plastik und c) ein Bierhumpen aus Steingut, bestückt mit drei Kunststoff-Rosen.
(Präzisierung: Auf dem Bierhumpen sind einige der Wahrzeichen der Stadt Bremen
abgebildet.)
12:45 – Schweigendes Warten. Die Nummer 663 wird aufgerufen.
12:47 – Die Redakteure verlassen den Warteraum und begeben sich
vorschriftswidrig auf den Flur. Man bemerkt neben den Türen der Amtstuben
Schilder. Eines trägt die Inschrift »Ausweis- und Passabholung sowie allgemeine
Auskünfte im Treppenhaus am Informationsschalter.«. Ein anderes: »Hier kann
Ihnen geholfen werden. Ausgabe von Reise-Pässen/Personalausweisen. Information,
Auskunft, Beratung.« Gleich daneben: »Kein Zutritt.«
O-Ton Paul: »So was versteht man unter »Bürokratie«, oder?«
O-Ton Yoshi: »Die sollten sich mal im Treppenhaus darüber beraten.«
12:48 – Die Nummer 665 wird aufgerufen.
12:49 – Entziffern von unleserlichen handschriftlichen Aushängen.
12:50 – Entdecken der handschriftlichen Notiz neben der
»Wartemarken-Ausgabe«: »Achtung! Hier bitte BON-Nummern nehmen. (Richtungsweisender Pfeil.) Ausnahmen: Ausweis- und Passabholung sowie
allgemeine Hinweise im Treppenhaus am Informationsfenster. – Dann bitte keine
BON-Nummer entnehmen.«
12:52 – Aufrufen der Wartenummer 666.
 | Der Zutritt zu den Amtsstuben mit leeren Türschildern ist Beamten der Besoldungsklasse A9 vorbehalten |
12:55 – Bemerken des Schildes: »Bitte halten Sie Ihre An-/Um-/Abmeldung
ausgefüllt bereit! DANKE!«
O-Ton Paul: »Als würde man hier mal überraschend drankommen.«
O-Ton Yoshi: »Jedenfalls hat man genügend Zeit zum Ausfüllen.«
12:56 – Immer noch Nummer 666. »Besuchertoiletten befinden sich außerhalb
des Gebäudes neben der Turnhalle.«
12:57 – Lesen der Schilder am Getränkeautomaten mit der umwerfenden
Auswahl »Kaffee«, »Heiße Getränke«. Darunter: »Keine Restgeldrückgabe.« Und:
»Automat ist bereits auf Euro umgestellt.«
12:59 – »Sozialraum – Nur für Bedienstete.« Es stellt sich die Frage:
Sind die Besucher alle un- oder gar asozial?
13:00 – O-Ton Paul: »Gibt's auf solchen Ämtern nicht regelmäßig
Amokläufe aus Verzweiflung?«
13:02 – Paul beginnt, den Flur auf und ab zu marschieren.
13:03 – Nummer 673. Paul: »Schade, dass ich keine genagelten Sohlen
habe, das würde hier auf dem langen Flur akustisch schön zur Geltung kommen.«
13:05 – Yoshi: »Guten Tag, wir kommen von einem namhaften Privatmagazin und würden Ihnen gerne ein paar Fragen zum Service auf diesem Amt stellen.«
13:06 – Nummer 676.
13:08 – Paul: »Zum DDR-Charme fehlt hier eigentlich nur das
Honecker-Bild an der Wand.«
13:10 – Nummer 683. Entdecken des Graffitis »Wie lange noch?«.
13:12 – Nummer 686.
O-Ton Yoshi: »Nett ist auch, fünf Wartenummern auf einmal zu ziehen und die
dann wegzuwerfen.«
Paul: »Wieso nur fünf?«
13:16 – Nummer 696.
O-Ton Yoshi: »Früher (gemeint ist 1933-1945) waren hier Gitter vor den
Fenstern.«
Paul: »Heute überlegt man, sie wegen der Suizidgefahr wieder anbringen zu lassen.«
13:19 – O-Ton Paul: »Hier könnte man gut eine Film-Doku über die DDR
und ihre menschenverachtenden Methoden drehen.«
Yoshi: »Die Ausgaben für Gebäude und Requisiten wären praktisch gleich Null.«
13:21 – Nummer 694.
O-Ton Paul: »Wieso gucken die Menschen nicht glücklicher, wenn Sie aus den
Amtsstuben wieder herauskommen?«
13:23 – Nummer 694.
Feststellung: Die Heizungen lassen sich maximal auf Stufe drei herunterregeln.
O-Ton Paul: »Da gehen sie hin, unsere Steuergelder.«
 | Auf unseren Bericht hin wurde nachgerüstet | 13:24 – O-Ton Paul: »So ähnlich wie hier sah wohl auch das
Gestapo-Hauptquartier in Berlin aus ... es fehlen nur die Wärter und der Galgen
im Hof.«
Yoshi: »Den haben die Engländer entfernen lassen.«
13:25 – Vor den Fenstern befinden sich große Dornenbüsche. Wohl damit
niemand fliehen kann.
13:26 – Nummer 694.
13:27 – Nummer 695.
O-Ton Paul: »Hier werden freie Menschen gebrochen.«
13:29 – Nummer 697.
O-Ton Yoshi: »Diese Fenster sind ja hoch! Stimmt, man muss ja auch aufrecht
durchpassen.«
13:30 – Nummer 700. Spannung baut sich auf. Yoshi beginnt, die Flure zu
vermessen.
13:31 – Nummer 701. Paul wird sichtlich nervös.
 | Diese so genannten »BON-Nummern« haben schon so manche Existenz vernichtet | 13:32 – Nummer 702. Die Redakteure betreten die entsprechende Amtsstube.
13:33 – Beamtin: »Welche Augenfarbe?«
Paul: »Öhm ... was würden Sie sagen?«
13:33 – Paul unterschreibt ein Formular nach dem anderen. Yoshi
lauscht an Nachbarschreibtischen bei Telefongesprächen und notiert sich »für
Marketingzwecke« Telefonnummern.
13:34 – Beamtin: »Das dauert jetzt sechs Wochen.« Paul (gefasst):
»Okay«.
13:34 – Wieder auf dem Flur.
O-Ton Paul: »Meine Güte! Und dafür über eine Stunde warten ... für nicht mal
siebzig Sekunden!«
13:38 – O-Ton Yoshi (beim Verlassen des Gebäudes, schön laut, damit es
auch alle Wartenden hören können): »So, das ging ja schön schnell. Fünf Minuten
Wartezeit und schon sind wir wieder draußen. Man muss halt nur das passende
Kleingeld parat haben.«
13:39 – Paul: »Wir haben unsere Zeit nicht gestohlen. Aber die da
drinnen!«
13:40 – Paul (zu einem Herrn, der gerade im Begriff ist, das Ortsamt
zu betreten): »Hoffentlich haben Sie Zeit mitgebracht.«
Soweit zu den Bremer Ämtern. Das Warten hatte sich übrigens nicht einmal
gelohnt, da ein Formular fehlte. Gelohnt hat es sich höchstens in Hinsicht auf
das UND-Magazin.
Ebenfalls von der Redaktion:
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