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Den Nerv an der Wurzel treffen


Übersicht: Yoshi (Texte/Biografie) // Fünf Seiten Splatter // Veröffentlicht am 30. 10. 2002 // Abstract: Fürchten Sie sich vor Ihrem Zahnarzt? Nein? Dann lesen Sie schnell weiter!


Ein Erfahrungsbericht.
Heute war es wieder soweit: Der vierteljährliche Zahnarztbesuch stand vor der Tür. Zwar hatte ich diese verrammelt, aber zwei Männer in Grün lockten mich mit einer List aus dem Haus – sie sagten, sie seien Mitglieder des Schützenvereins – und schleppten mich zur hundert Kilometer entfernten Praxis; mit verbundenen Augen.


Zwar erinnerte das Fahrzeug, in dem sie fuhren, eher an einen Fiat Polski, als an den versprochenen Mercedes, aber das war mir sowieso ziemlich egal; ich wurde bei Tempo Hundert mit einem Stahlseil, dessen Enden man an der Anhängerkupplung und um mein rechtes Handgelenk geschlungen hatte, über den jungen Asphalt der A27 geschleift. Wäre es ein normaler Zahnarztbesuch gewesen, so hätte ich meinen »Kidnappern« wohl Dank aussprechen müssen – schließlich wäre sogar das Ziehen aller Weisheitszähne auf einmal im Vergleich zu den vom Schotter auf der Autobahnbaustelle verursachten Schmerzen nicht einmal ein Kribbeln gewesen. Aber alles kam anders ...

Kaum waren wir bei der aus gutem Grund lärm gedämpften Praxis angekommen, nahmen mir meine Betreuer die Bleibrille ab, so dass ich das goldene Eingangsschild erblicken konnte. »Praxis Dr. Töter – Kundenzufriedenheit ist unsere beste Garantie«, war in schwarzen Lettern darauf geschrieben. Ich erinnere mich noch gut daran, wie ich ihn vor einem Jahr einmal gefragt hatte, was er unter »Kundenzufriedenheit« verstünde. Noch besser allerdings habe ich seine Antwort im Gedächtnis, die da lautete: »Nun, wissen Sie, es hat sich noch keiner meiner Kunden beschwert.« Sie wurde von einem hellen Gelächter begleitet, eigentlich wollte ich damals noch fragen, ob ich denn alle Kosten für die Diamantkrone selber tragen muss, aber er wurde leider von einer Praxishelferin ans Telefon gerufen, um mit einem Bestattungsunternehmen »über den Preis« zu verhandeln, wie er es formulierte.

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Ein guter Zahnarzt weiß seine Patienten
zu beeindrucken. Dr. Töter finanziert diesen
Luxus aus den Nachlässen zufriedener Kunden

Zurück in der Gegenwart sah ich mich gerade durch das große graue Eingangstor zur Villa schreiten. »Der Chef kommt sofort«, rief mir schon von weitem eine Assistentin durch die riesige marmorne Eingangshalle zu. Nachdem ich mir die Originalausgabe der Bibel aus dem adrett angeordneten Stapel genommen hatte, setzte ich mich in einen der Designerstühle, die in einer Ecke der Halle, teils um einen mehrere Meter langen Glastisch, verteilt waren.

Dr. Töter ließ wie gewöhnlich nicht lange auf sich warten, manchmal erschien er sogar so schnell, dass ich fast vermutet hätte, dass ich sein einziger Patient wäre. Er ist ein sehr erfahrener Arzt, wenn auch von recht hohem Alter. Da er fast zwei Köpfe größer ist als ich, musste ich mich auf die Zehenspitzen stellen, um ihm überhaupt mit fast gen Himmel gerichtetem Blick in die tiefgrauen Augen hinter Zentimeter dicken Brillengläsern, Diamant, wie er sagte, sehen zu können. Er begrüßte mich wie immer: kurz, knapp, nüchtern.

Nach dem Gedankenaustausch über wichtige politische Ereignisse des letzten Vierteljahres folgte ich ihm in das Behandlungszimmer und nahm auf dem überdimensionierten Ohrensessel platz, der in der Mitte des fensterlosen Raumes stand. Stolz präsentierte er mir seine neueste Errungenschaft, die er auf der jährlichen »Frankfurter türkisen Messe«, einer Verkaufsaustellung ausschließlich für Fachärzte, für einen stolzen Preis im dreistelligen Millionenbereich erstanden hatte. Sie erinnerte mich stark an einen Schlagbohrer. »Fürs Grobe«, kommentierte er treffend.

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Keine halben Sachen, sondern geprüfte Qualität:
Die Zahnbürsten des Dr. Töter

Nach einer Tasse Grünem Tee begann er mit der eigentlichen Behandlung: Er holte ein säbelartiges Werkzeug aus einem Schrank am Rande des Raumes, wobei er für den Weg zum Schrank und wieder zurück je fünf Minuten brauchte, obwohl er einen zügigen Schritt drauf hatte. Während er unterwegs war, erschienen drei Praxishelferinnen und schnürten mich mit dicken Lederseilen am Ohrensessel fest, ein Prozedere, das mir schon von den letzten Behandlungen bekannt war. Inzwischen war Dr. Töter wieder am Sessel angekommen war und die Assistentinnen entfernten sich.

Nachdem er das mitgebrachte Utensil mit einem kräftigen Stoß in meinem Rachen gerammt hatte und ich auf seine Aktion mit einem erstickten Röcheln antwortete, begutachtete er meine Zähne. »Hm«, sagte er. »Wo sind denn Ihre Schneidezähne?« – »Hier«, erwiderte ich etwas verdutzt und so gut es an dem Säbelwerkzeug vorbei eben ging. Dabei deutete ich auf meine Schneidezähne. »Ach ja, da haben wir sie ja!« War dies der Dr. Töter, der mich auch die letzten zehn Jahre behandelt hatte? »Faszinierend, Sie haben ja überhaupt keine Zunge!« Ich erschrak zunächst, fing mich dann allerdings schnell und schob meine Zunge unter dem Säbel hervor. Er freute sich wie ein kleines Kind, als er sie entdeckte. Ich dachte immer, er sei ein alter und erfahrener Arzt. Offensichtlich hatte ich mich getäuscht und er war nur alt. In diesem Moment wollte ich gerne nach Hause gehen.

Wer jetzt glaubt, dass die Geschichte in diesem Stil weitergeht, irrt. Sie wird ganz anders weitergehen. Noch grausamer. Noch schmerzvoller. Noch sinnloser. Na ... UND? Oh, zurück zum Thema: Dr. Töter holte einen großen Diamantbohrer hervor – es sei angemerkt, dass nicht nur der Bohrkopf, sondern fast der komplette Bohrer aus Diamant war – und bearbeitete damit meine gerade erst entdeckten Schneidezähne. Die Zahnsplitter flogen in alle Richtungen. Auf meine Frage nach dem Warum antworte er nur trocken: »Wollen Sie etwa gehen, ohne etwas zum Erzählen zu haben?«. Zugegeben, das befriedigte meinen Wissensdurst nicht, aber was sollte ich tun? Sprechen konnte ich nicht, sonst hätte ich ihm schon gesagt, dass ich tatsächlich gerne gehen würde. Aber ich konnte mir schon denken, dass ihn das nicht sonderlich beeindruckt hätte, und ohnehin hatte ich alle Mühe, meine Zunge vom Bohrkopf fernzuhalten. Weglaufen oder bequemer Weise aus dem Fenster springen war auch nicht drin, ich konnte mich ja nicht bewegen. Eigentlich konnte ich nicht mal schreien.

Es war mir allerdings schon wichtig, meine Frage richtig beantwortet zu bekommen. Deshalb versuchte ich, den Doktor dazu zu bringen, den Bohrer für einen Moment abzusetzen. Besonders eines hinderte mich daran: Ich hatte nicht die geringste Idee, wie ich das anstellen könnte. Bis ich darauf kam, ihm das zum Kühlen des Bohrkopfes verwendete Wasser geschickt ins Gesicht zu gurgeln. Ein herrlicher Plan. Leider schlug er fehl. Denn Dr. Töter bekam durch seine Gasmaske (seine Begründung »wegen der Betäubungsmittel« verwunderte mich ein wenig, beteuerte er doch immer, dass auch bei Nervbohrungen keine Betäubung notwendig sei) nicht einen einzigen Tropfen Wasser ab. Ich konnte nur warten, bis er seine Arbeiten vollendet hatte.

Ich hatte Glück: Nach nicht mal fünfzehn Minuten war von den Zähnen nichts mehr übrig, so dass der Maestro sein Arbeitsgerät beiseite legte und mir den Säbel aus dem Rachen zog. »Also: Wozu das Ganze?«, fragte ich wobei unter anderem ein Teil des noch nicht heruntergeschluckten destillierten Wassers durch meine neue Zahnlücke auf seinen Kittel spritzte. »Nun ja, Sie hatten etwas Plaque auf den Schneidezähnen.« – »Aber deshalb muss man sie doch nicht gleich entfernen!« – »Haben Sie Zahnmedizin gelernt, oder ich?« Das fragte ich mich allerdings auch. Da ich keinen Streit mit dem besten aller ungelernten Zahnärzte anfangen wollte, behielt ich das allerdings für mich. Ich gebe zu, ich habe schon Schlimmeres erlebt.

»Das war's auch schon fast wieder, wir müssen nur noch ein Röntgenbild Ihres Unterkiefers machen. Das wird allerdings meine Assistentin übernehmen. Wenn Sie ihr bitte folgen würden.« Mit diesen Worten verabschiedete er sich von mir, legte seinen Kittel ab. Abermals erschienen die drei Sprechstundengehilfinnen, um mir die Ledergurte abzunehmen. Angela, die ich schon von einem der letzten Besuche kannte, erklärte mir, sie müsse eben noch eine Einverständniserklärung holen, die ich unterschreiben müsse, wenn ich nichts dagegen hätte, mich röntgen zu lassen. Ich sagte, dass es mir sehr wohl etwas ausmachen würde. Angela bat mich, schon mal in den Röntgenraum zu gehen. Was blieb mir anderes übrig? Schließlich standen überall auf den Fluren schwer bewaffnete Wachen, die ihre Augen auf mich gerichtet hatten, als sei ich ein gesuchter Schwerverbrecher.
Der Röntgenraum war eine kleine Kammer von höchstens einem Quadratmeter. Angela machte drei Fotos von mir unter dem tonnenschweren Bleimantel und anschließend zwei Röntgenbilder. Danach durfte ich gehen.

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Fast. Ich sollte mir noch drei Termine für Füllungen meiner Schneidezähne geben lassen, auch wenn ich nicht genau wusste, was der Doktor da noch füllen wollte. »Was verwenden Sie denn als Füllung?«, wollte ich von der Sprechstundenhelferin am Eingang der Praxis wissen. »Amalgam« sagte sie bestimmt. »Ist das nicht gefährlich für die Gesundheit des Patienten?« – »Irgendwann sterben Sie sowieso.« So viel Ehrlichkeit war ich von Praxispersonal gar nicht gewohnt. Ich vereinbarte die Termine, verabschiedete mich höflich, nahm meine Jacke und einen Designerstuhl und ging nach draußen.

Das Taxi wartete schon. Wie immer wusste der Fahrer genau bescheid, wo ich hinmusste. Als sich der Wagen in Bewegung setzte, spürte ich einen leichten Schmerz an der Stelle, wo früher einmal meine Schneidezähne gewesen waren. Es tat nicht besonders weh, nur ab und zu, wenn wir über eine kleine Unebenheit auf der Straße fuhren. Ich versuchte, den Schmerz zu verdrängen, indem ich die schöne Aussicht der Umgebung auf mich einwirken ließ: links ein riesiger See mit kristallklarem Wasser, in dem sich der Himmel spiegelte, rechts die untergehende Sonne vor orange gefärbten Wolkenbändern. Und geradeaus der Blick auf Kilometer langes Kopfsteinpflaster.


(Sie lasen: Fünf Seiten Splatter von Yoshi.)

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