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Mitschnitte und Gesprächsprotokolle
Übersicht: Der Herausgeber ( Texte) // Zwei Seiten Hintergrundberichte // Veröffentlicht am 23. 7. 2004 // Abstract: In seinem Büro in Wien nimmt er den Hörer von der Gabel und wählt.
Der Ablauf ist stets der gleiche: In seinem Büro in Wien nimmt er den Hörer von der Gabel und wählt entschlossen die Telefonnummer. Seine Hände sind ein wenig zittrig, aber er drückt entschlossen eine Zifferntaste nach der anderen. Jedes Mal.
Sekundenbruchteile später klingelt in einem Bremer Büro ein Telefon. Yoshi sitzt an seinem Schreibtisch. Er hört schon am Klingeln, wer am anderen Ende der Leitung auf seine Reaktion wartet. Wie jedes Mal.
Yoshi tippt die Aufnahmetaste am Tonbandgerät an und nimmt das Gespräch entgegen. Die üblichen Begrüßungsfloskeln, wie jedes Mal. Ein kurzer Gedankenaustausch über aktuelle Ereignisse aus Politik und Gesellschaft. Hier wäre das Tonband noch nicht nötig, aber man weiß ja nie, was alles passiert. Die Buchhalter beim Telefonkonzern reiben sich die Hände, das Gespräch wird sich länger hinziehen. Ohne die wöchentlichen Ferngespräche nach Bremen, nach Deutschland, hätte das Unternehmen längst Konkurs anmelden müssen.
 | Leistet seit Jahren treue Dienste: Yoshis Tonbandgerät | Das Gespräch zwischen den beiden UND-Mitarbeitern geht in die nächste Phase. Ideen für Beiträge des Auslandskorrespondenten werden ausgetauscht. Jedes Mal. Zu einem Ergebnis führt das gewöhnlich nicht. Yoshi lässt das Band zurücklaufen. Jetzt kommt der wichtige Teil. Er drückt wieder auf die Aufnahmetaste und überspielt den Anfang des Telefonats. Die Telefongesellschaft rutscht derweil wieder in die schwarzen Zahlen. Was nun folgt, kann alles entscheiden. Die Zukunft des Konzerns hängt davon ab, ebenso die Zufriedenheit der UND-Leser. Und der Seelenfrieden von Yoshi.
»Warum landen UFOs immer nur in Amerika und nie in Armenien?«, fragt Yoshi. »Was denken Fische, wenn sie in Internationale Gewässer schwimmen? Ist kuwaitisches Öl glücklicher als irakisches?« Es sind die kleinen, ungestellten Fragen des Lebens, die die Welt weder bewegen, noch anhalten. Aber sie sichern den Fortbestand des ewig (hinter)fragenden UND-Magazins.
 | Ein weiter Weg. Telefonate von Wien nach Bremen sind so teuer wie israelische Stereoanlagen | Grundsätzlich wird keine der gestellten Fragen auch nur von einem der beiden Gesprächsteilnehmer beantwortet. Die scheinbaren Antworten sind lediglich Denkanstöße – nicht etwa zur Antwortfindung, sondern um auf weitere Fragen zu kommen. Und so zieht sich jedes der Telefonate hin, mindestens über mehrere Stunden. Yoshi ist darum bemüht, immer rechtzeitig ein neues Tonband einzulegen. Nach jedem dritten Bandwechsel gibt die Telefongesellschaft eine neue Gewinnprognose heraus. Dauert das Gespräch länger als sechs Stunden, bekommen alle Verwaltungsangestellten für den Rest des Tages frei.
Yoshi und sein Wien-Korrespondent philosophieren jenseits von Sens und Nonsens über Themen, die mit Geschmack jeglicher Art nicht mehr im Geringsten zu tun haben. Sie überlegen, wie sich wohl das Echo der Stille anhören würde, wenn es nur nicht so still wäre. Die beiden stellen Theorien auf und suchen Antworten, nein, Fragen zu den alten Fragen der Menschheit: Was denkt man, bevor man glaubt, gerade nichts gedacht zu haben? Was fühlen Socken, wenn sie in der Waschmaschine durch den Spalt zwischen Trommel und Öffnung gezogen werden? Was passiert, wenn ein Schwarzes Loch von einem anderen verschluckt wird? Und vor allem: Wer würde die Irren einsperren, wenn die ganze Welt verrückt wäre?
Einmal konnte Stephan, der Korrespondent, in einer Woche nicht anrufen. In seinem Büro wurden neue Telefonleitungen verlegt. Der Direktor der Telefongesellschaft ließ ihm daraufhin per Eilbote eine Flasche Champagner und eine »Gute Besserung«-Karte mit Unterschriften von allen Vorstandsvorsitzenden des Konzerns schicken. Stephan bedankte sich artig und wurde prompt vom Konzernchef zum Abendessen eingeladen.
Yoshi weiß von alledem nichts.
Während sein Wiener Kollege Consommé von der Barbarie-Ente mit Dattel-Limonen-Manti und afghanischen Aschak serviert bekam, lauschte er in seinem Büro den Tonbandaufnahmen, tippte unablässlig Wort für Wort in den Computer und aß Tiefkühlpizza. »Was Wasserstoffatome wohl sagen würden, wenn sie sprechen könnten?«, dachte er. Und Stephan wusste die Antwort. Wie jedes Mal.
(Sie lasen: Zwei Seiten Hintergrundberichte vom Herausgeber.)
Ebenfalls vom Herausgeber:
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