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Freitod unter Plastikpalmen
Übersicht: Yoshi ( Texte/ Biografie) // Drei Seiten Fernsehkritik // Veröffentlicht am 8. 12. 2002 // Abstract: Wo steckt eigentlich das Werbefernsehen, wenn man es braucht?
Der Schrecken ereilte mich nachts um elf. Nach vielen Jahren ohne Fernseher genoss ich ein weiteres Mal endlich wieder das Vorabendprogramm der öffentlich-rechtlichen Rundfunk- und Fernsehanstalten. Aber etwas war anders. Irgendetwas fehlte.
 | Sinnbild des spätabendlichen Nachrichten-Overkills | »Die Tagesthemen sehen Sie morgen wieder; wie immer um halb elf und jetzt erklärt Ihnen Jörg Kachelmann noch, weshalb Osten und Westen wieder getrennt sind – wenn auch nur vom Wetter.«
Höchst interessant, dachte ich, während das monophone Tagesthemen-Theme erklang und der Sprecher seine Zettel dezent vom Tisch fegte. Überblende über Schwarz. Dann: »Das Herbstwetter im Ersten wird Ihnen präsentiert von ...« Da stimmt doch was nicht. Wieso ist das Wetter nicht mehr in den Tagesthemen? Ist das schon länger so? Und vor allem: Wieso hat mir keiner etwas davon gesagt?
Ich hatte mir eigentlich vorgenommen, das Wetter für den folgenden Tag nicht in dieses Werk einzubeziehen, aber leider komme ich nicht drum herum, zu erwähnen, dass bei den Temperaturen, die der nette Herr in grau dort ankündigte, nicht einmal Suizid Spaß machen würde. Ein wie ich finde sehr wichtiger Aspekt, da ich kurz darauf wirklich soweit war, dem Ganzen ein Ende zu bereiten.
 | Toll, und woher nehme ich jetzt einen Plastikozean? | Kaum war das Wetter vorüber, lehnte ich mich in meinem zweifarbigen Ohrensessel zurück, um die Werbung zu genießen. Aber es gab keine Werbung. Ach ja, wir bezahlen ja alle Rundfunkgebühren, damit wir keine Werbung sehen müssen – um die Uhrzeit. Toll. So eine Idee kann nur aus dem Kapitalismus kommen. Also schnell zum ZDF umgeschaltet, auf dass ich wenigstens noch einen einzigen Werbeblock an diesem Abend sehen könnte. Doch das ZDF machte mir einen Strich durch die nicht bezahlte Rechnung: Auch der immerhin nur zweitplatzierte Sender aus Mainz war nicht gewillt, mein Verlangen nach Produktpräsentation zu stillen. Statt dessen zeigte man ein Interview Guido Knopps mit einem österrischen Bäcker, bei dem Erwin Rommel 1941 mal zwei normale Brötchen und ein Graubrot gekauft hatte.
Wofür kauft man sich denn bitte einen Fernseher? Etwa um die Filme zu sehen? Natürlich nicht ... Obwohl ich nach diesen Erfahrungen schon erschreckend oft mit dem Gedanken spielte. Zum Glück siegte letztendlich die Vernunft und so blieben die Einschaltquoten der Schöneberger-Show auf dem Boden der Tatsachen.
Also schaltete ich zum nächsten Sender. Der war, auf der Vier, Sat1. Das dritte Programm, in meinem Falle der NDR, konnte ich guten Gewissens auslassen – allein schon deswegen, weil allgemein bekannt ist, dass sich die Sendeanstalten mit jämmerlichen Selbstfinanzierungsversuchen dermaßen im Schlamm der Marketingwelt verfahren, was gänzlich ausschließt, dass man es sich noch leisten könnte, Werbung zu senden.
 | Nein, der Weg war mir dann doch zu weit. Außerdem ... | Sat1 bewies Anstand und zeigte einen Werbespot nach dem anderen. Allerdings ist das meiner Meinung nach kein Vergleich zur so genannten »Spot-Premiere«, in der um neun Minuten nach Acht (oder so) am Abend neue Werbespots exklusiv präsentiert werden. Na danke. Aber Sat1 hilft auch nicht mehr, wenn man einmal einen gemütlichen Abend vor dem Fernseher (ein Widerspruch in sich, jaja) verbringen möchte. Denn kaum war die Werbepause zu Ende, kam schon wieder diese widerliche Comedy. COMEDY! Kein Mensch braucht so was! Was soll das? Damals, vorm Krieg, hat man doch auch nicht den ganzen Tag über mit komplett unverständliche Witze gelacht. Nein, damals war noch die Zeit der großen Satire. In Russland unterliegt das Fernsehen der Kontrolle durch den Staat. Und die Russen haben auch nichts mehr zu lachen – so einfach kann es gehen ...
 | ... hinterlässt das immer so unschöne Flecken. Und nicht jeder hat so nette Nachbarn, die dann noch extra Räucherstäbchen aufstellen | Aber weiter im Programm: Nach Sat1 gelangte ich zu ProSieben, dem kleinen Sorgenkind der mittlerweile verreckten Kirch Media AG. Die Zeit zwischen den ersten Bildern, die ich an diesem Abend von ProSieben sah, und dem Betätigen der ›Next‹-Buttons auf meiner globalisierten, englischsprachigen Lidl-Fernbedienung war allerdings recht gering, was auf das für den Beobachter unverständliche Vorenthalten von Werbung zu genau dem Zeitpunkt, in dem ich den Bildern des Senders lauschte, zurückzuführen ist. Und so kam VOX auf den Bildschirm.
Hätte ich zu der Zeit gewusst, was ich anrichtete, es wäre mir egal gewesen. Warum auch nicht? Dieser Sender, der in Fernsehzeitschriften nur noch wegen gewaltiger EU-Subventionen aufgeführt wird, dessen Hauptprogramm auf dem Niveau von 9Live um vier Uhr morgens ist, hat die letzten Jahre sowieso nur überlebt, weil ProSieben ihm Ally McBeal geschenkt hat. Wirklich schade, dass die Produktion selbiger Serie eingestellt wurde. Wir werden dich vermissen VOX! Denn wo sollen wir denn jetzt eine neue Belegung für den allerletzten unserer achthundert Programmplätze herbekommen? Nicht einmal den Offenen Kanal können wir noch nehmen, sogar der ist schon weit vor dir einprogrammiert, oh VOX.
Ich mache es kurz: Wie zu erwarten, hatte auch VOX keine Werbung anzubieten – schließlich ist Zeit Geld ... und das hat man dort eben nicht. Das reichte mir. Ich schaltete DSF ein (wahrscheinlich glaubte ich an ein Wunder) und verließ das Zimmer, um mir meine aufblasbare Plastikpalme zu holen. Aufmerksame Leser der Überschrift werden wohl wissen, worauf ich hinaus will.
 | Sicher, damit wäre es schneller vorbei gewesen. Aber nichts geht über eine ordentliche Inszenierung des Endpunktes |
Mit der Palme unter dem rechten und der Papierschneidemaschine um dem linken Arm kehrte ich zurück zum Fernseher, machte es mir unter der Palme bequem und begann, genüsslich die Schneidemaschine aufzustellen. Und als ich gerade zum Fenster hinaus gen Himmel schwebte, hörte ich auf DSF die Dauerwerbesendung beginnen.
Morgen, so habe ich mir vorgenommen, werde ich in der Nachbarschaft Unterschriften sammeln – für mehr Werbung im deutschen Fernsehen. Die passende Argumentation habe ich jetzt ja.
(Sie lasen: Drei Seiten Fernsehkritik von Yoshi.)
Ebenfalls von Yoshi:
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