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Sommer, Sonne, Sylt
Übersicht: Paul ( Texte/ Biografie) // Drei Seiten deutsche Eigenheiten // Veröffentlicht am 20. 7. 2004 // Abstract: Sie liegen am Strand und es regnet ohne Unterlass. Schön, nicht?
Sylt. Wir befinden uns auf einer der wohl schönsten Inseln Deutschlands. Wer denkt da nicht an die feinen Sandstrände, die Robbenbänke weit draußen im Watt und Eiscreme im Strandkorb. Doch dieses Jahr ist alles anders ...
Mir perlt ein Regentropfen von der Nase. Es regnet seit Wochen und nahezu ohne Pause. Was außerhalb der Badesaison höchstens für den Griff zum Regenschirm sorgt, bedeutet für diese Hochburg urlaubsreifer Touristen den Super-GAU.
 | Ein Traum: Sylt | Ich befinde mich mit meinem Kamerateam allerdings gerade deshalb nun auf Sylt. Unser Auftrag: Herauszufinden, wie weit dies die Urlaubsstimmung vor Ort trübt.
Wir fahren daher direkt zum Strand. Unsere Autoreifen mahlen sich förmlich durch den feuchten Sand, während auf der von innen beschlagenen Windschutzscheibe die Regentropfen zerplatzen. Während sich unser Wagen festfährt, wandert mein Blick nach draußen. Ich entdecke ein großes Werbeplakat, auf dem mit Bikini-Schönheiten für das aktuelle Sommerfruchtgetränk geworben wird. Wir steigen aus.
Weit und breit ist niemand zu sehen. Nur die Möwen kreischen und lassen sich von den Windböen weit über das Wasser tragen. Gerade wollen wir weiterfahren, da entdecken wir die 26-jährige Anita R. aus München im Strandkorb 46. Ihre roten Haare sind feucht, über die Knie ist ein knallbuntes Handtuch gebreitet. Einzig die über dem Bikini getragene Regenjacke will nicht so recht in das ansonsten sommerliche Bild passen. Während sie ihr Buch »Wolkenlos in Teneriffa« beiseite legt, erklärt sie sich mit einem kurzen Interview einverstanden und lächelt gleich bereitwillig in die bereits laufende Kamera.
Man treffe ja hier nicht oft jemanden mit dem man reden kann. Der Urlaub wäre bisher toll, meint sie. Jahrelang hätte sie schon auf diesen Urlaub gespart und endlich sei es so weit. Sie sei nur Studentin und es sei ihr erster Urlaub ohne die Eltern. Fünf Wochen auf Sylt wären schon immer ihr Traum gewesen. Sie lächelt nervös.
 | Einsam und verlassen | Auf die Frage, ob sie alleine reisen würde, nuschelt sie etwas wie »mein Freund« und »Kanaren« und schaut auf den Boden. Wir gehen nicht weiter darauf ein und fragen sie, ob ihr das Wetter nichts ausmache. Ach, meint sie und schiebt sich eine nasse Haarsträhne aus dem Gesicht, damit könne sie leben. Sie lacht etwas zu laut und legt ihre Hand auf das Buch. Wir verabschieden uns dankend. Während wir uns wieder entfernen, hören wir leises Weinen aus Strandkorb 46.
Nach einem halbstündigen Fußmarsch erreichen wir durchnässt Strandkorb 112. Schon von weitem erkennen wir, dass der Strandkorb voll besetzt ist. Es scheint eine Familie mit Kind zu sein. Sie zeigen keine Regung. Ich mustere die Personen aus einiger Entfernung. Der Vater ist etwas beleibt und beansprucht den größten Teil der Sitzbank für sich. Sein Blick störrisch und starr auf die Nordsee gerichtet. Seine Tochter lehnt an seiner Schulter und zupft ihm am Ohrläppchen. Sie fröstelt leicht in ihrer schmutzigen Jeans. Die Mutter schweigt ebenfalls, schaut allerdings in eine andere Richtung. Es sieht nicht nach der üblichen Ferienstimmung aus. Dazu beitragen mag das ständige Tropfen vom Korbdach. Es regnet herein.
Wir treten näher und die Mutter wirft uns ein »Guten Tag« zu. Der Familienvater räuspert sich und dreht und seinen Kopf langsam in unsere Richtung während das Mädchen aufmerksam in Richtung Kamera schielt. Die Mutter versucht unauffällig ihren nassen Haarsträhnen etwas Frisurenhaftes zu verleihen. Wir stellen uns kurz vor und fangen mit unseren Fragen an. Sie sind wie jeden Sommer aus Berlin angereist. Auf die Frage, was sie nach Sylt zieht, schweigen alle. Der Vater beginnt rot zu werden. Seine Hände zittern leicht, doch er beherrscht sich. Seine Gattin fängt an zu erzählen: Sie kämen schon seit über 15 Jahren jeden Sommer, hauptsächlich wegen des sommerlich-frischen Wetters. Bei dem Wort »Wetter« stöhnt der Vater auf. Rücksichtsvoll verabschieden wir uns wieder.
Während wir auf der Suche nach dem Strandkorbvermieter sind, stolpert unser Kameramann niesend durch den Sand. Ich beginne den Regen zu hassen. Und nicht nur ihn. Auch die dunklen Wolken, den schneidenden Wind. Den nasskalten Sand in meinen Socken. Nichts wäre mir jetzt lieber als ein Dach über dem Kopf.
Endlich erscheint eine kleine Person hinter einer Düne. Er kommt langsam auf uns zu. Wasser rinnt ihm über das Gesicht und seine nassen Haare liegen platt am Kopf.
Kalle O. heißt er und ist unser Gesuchte: Der Strandkorbvermieter.
 | Sommer ja, aber Sonne? | Wir fragen, wie stark die Zahl der Anreisenden dieses Jahr stark zurück gegangen sei. Nun ja, antwortet er und schaut in den Sand, wobei er mit den Füßen Figuren hinein malt, es seien wohl nicht so viele wie in den Jahren zuvor. Er blickt auf, dann schaut er nervös und mit hilflosen Augen in die Kamera. Geradezu beschwörend fängt er nun an, zu betonen, dass eine baldige Wetteränderung in Aussicht sei. Er beginnt von seinen Strandkörben zu schwärmen, die noch alle zu mieten seien. Ein Urlaub auf Sylt lohne sich auch dieses Jahr. Es lohne sich immer. Wird sich immer lohnen! Er beginnt hemmungslos zu schluchzen.
Bewegt schwenken wir die Kamera auf die offene See. Eine pechschwarze Gewitterfront bewegt sich auf die Insel zu, dunkle Wolken liegen über dem Strand. Wir versichern Kalle, dass wir keine weiteren Fragen hätten und eilen im einsetzenden Hagelschauer auf unser Auto zu. Der Motor startet. Ein letzter Blick auf den Strand, das Meer. Unter den Autoreifen knirschen die Hagelkörner.
(Sie lasen: Drei Seiten deutsche Eigenheiten von Paul.)
Ebenfalls von Paul:
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